13. Stifterratversammlung am 15.03.2017: Leitung durch den Stifterrepräsentanten Titus Malms
Herr Vorsitzender, meine sehr geehrten Damen und Herren,
heute begrüße ich Sie erstmals allein in meiner Eigenschaft als Vertreter aller Stifter, dem in der Satzung die Funktion des Stifterrepräsentanten zugewiesen wird und der die angenehme Aufgabe hat, diese Versammlung zu leiten. Die von mir zwölf Jahre in Personalunion erfüllte Aufgabe, Ihnen als Vorsitzender einen umfassenden Bericht zu erstatten, ist also vor einem Jahr auf das abgetrennte Amt des Vorsitzenden übergegangen. Wie Sie alle wissen, hat aber der gewählte Herr Professor Becker-Foss im Januar seinen Rücktritt erklärt und der Vorstand hat im Februar Herrn Arndt Jubal Mehring zum Vorsitzenden gewählt.
Herr Professor Becker-Foss hat mich insofern beauftragt, Ihnen seinen mir vorliegenden Rechenschaftsbericht zur Kenntnis zu bringen. In Abstimmung mit ihm werde ich dem sogleich nachkommen. Lassen Sie mich zuvor aber auch sagen, dass diese eingetretene Entwicklung von vorne herein mit vollständig anderen Erwartungen verknüpft war, die ich an dieser Stelle vor einem Jahr auch voller Hoffnung zum Ausdruck gebracht habe. Der zurückgetretene Vorsitzende hat in der Lokalpresse über seine Motivation und über die aus seiner Sicht sich kritisch entwickelnden Zusammenhänge bereits ausführlich Stellung genommen, so daß Ihnen diese Argumente also bekannt sein dürften.
Ich selbst beschreibe diese Trennung mit der Formel, dass die Becker-Foss-Ambitionen nicht mit den Bad Pyrmonter Konditionen in Übereinstimmung zu bringen waren. Darüber mag man nun lamentieren, aber das lässt sich durch keinen Zaubertrick eskamotieren. Ja, natürlich ist da etwas zerbrochen, und es hat Scherben gegeben, die aber nach einem allseits bekannten Sprichwort sogar Glück verheißen. Lassen Sie mich dieses Missgeschick also mit einer Parabel aus dem alten China umschreiben, (die ich bei E. Heimeran gefunden habe):
In der Familie des ehrenwerten Mandarins Hu-Puh befand sich seit Generationen eine reich bemalte Porzellanvase des Meisters Miang-Tse, eine über die Maßen herrliche Vase; denn der Meister hatte sein ganzes Leben an diesem Stück gearbeitet. Sie war in einem eigenen Raum des Hauses Hu-Puh aufgestellt und es gab einen Diener, der nur über sie wachte. Aus allen Provinzen kamen Kenner und Gelehrte, um sie anzusehen und ihr ihre Verehrung entgegenzubringen. Und trotz dieser Wertschätzung und Wartung zerbrach sie; ja, der Diener der Vase selbst war es, der sie zerbrach, er stolperte, er fiel, kurz, er zerschlug sie. Er gedachte, sich sogleich das Leben zu nehmen, rief nach den Hausinsassen, die laut klagten und die Scherben liebkosten. Bei dieser Gelegenheit fand der Mandarin unter den Trümmern eine Schriftrolle, die in der Vase verborgen und jetzt zutage gekommen war. Er entrollte sie und las: „Der du mich aus dem irdischen Gefängnis befreit hast, wer du auch seiest, geh in den Tempel des Goldenen Drachen, denn dort wird der Meister der Vase weiterleben von Mund zu Mund und obwohl aller Augen entzogen, wird sein Werk weiter geachtet sein. Und so geschah es auch.
Demnach, meine Damen und Herren, ist es zwar keineswegs ein Verdienst, Vasen zu zertrümmern, auch überschreitet es die Grenzen meiner Disziplin, zu sagen, wo und wann der Mandarin Hu-Puh und der Meister Miang-Tse tatsächlich gelebt haben. Aber wenn wir dem bekannten Scherben-Sprichwort auch nur ein wenig Glauben schenken wollen, dann müssen wir jetzt auch dem damit verbundenen, versprochenen und erhofften nachfolgendem Glück doch mindestens den roten Teppich insoweit ausrollen, so daß es immerhin seinen angekündigten erfreulichen Auftritt zu inszenieren im Stande ist. Damit wären wir dann zugleich auch auf Augenhöhe mit der alten chinesischen Weisheit: „Laßt uns nicht zuviel erwarten, aber alles erhoffen.“…
Ich wollte Sie als intellektuell anspruchsvolles Publikum mit diesem poetischen Gleichnis bewusst auf einer ganz anderen Ebene ansprechen, als mit einer mehr oder weniger neuen Variante der Beschreibung der Vorgänge, die sich aus jedem Blickwinkel etwas anders darstellen lassen. Herr Prof. Becker-Foss hat aber gleichwohl satzungsgemäß diesem Zeitabschnitt einen Tätigkeitsbericht aus seiner Sicht gewidmet und auch noch widmen müssen. Ich darf ihn infolgedessen (wie angekündigt) wörtlich zitieren:
(Manuskript Becker-Foss verlesen)
Als am Morgen die Pyrmonter Nachrichten den Rücktritt unseres Vorsitzenden meldeten, wirkten am selben Abend die Eröffnungsreden bei der Elbphilharmonie in Hamburg fast wie symbolhafte Kommentare zur Pyrmonter Konzertsituation. Ich habe sie notiert. So sagte Bürgermeister Olaf Scholz am 11. Januar: „Alle Zivilisation ist nicht vollständig, wenn sie nicht in Kultur mündet. Kultur hält eine zivilisierte Gesellschaft im innersten Kern zusammen. Und es ist insbesondere die Musik, die in der Lage ist, kulturelle und sprachliche Barrieren zu überwinden und universelle Gemeinsamkeit entstehen zu lassen.“
Und Bundespräsident Joachim Gauck formulierte am selben Abend: „Manchmal muss man sehr wohl ein Wagnis eingehen und auch Widerstände überwinden, um einer guten Idee zur Wirklichkeit zu verhelfen. Visionäre Projekte bergen eben auch etwas Unberechenbares. Das heißt allerdings nicht, dass man die Fehler und Versäumnisse bei der Planung gänzlich vergessen darf. Ein Ort ist wichtig, an dem sich die Vielen begegnen, an dem Gegensätze zusammenfinden und Neues entsteht, an dem die verbindende, inspirierende und beglückende Kraft der Musik für alle spürbar wird, über alle Grenzen hinweg. Und wir wissen es: manchmal vollbringt sie Wunder.“
Ja, meine Damen und Herren, genau darum geht es: Um das Wunder der Musik und um die ihr eigene Fähigkeit, die Hörer so zu verzaubern, wie es nötig ist, um diese Inspirationsquelle weiter so sprudeln zu lassen. Das hängt, verdammt noch mal, auch davon ab, dass sich unser Pyrmonter Publikum tatsächlich ab sofort in großer Zahl entschließt, sich von dem Programm auch so inspirieren und mitnehmen zu lassen, wie das anderswo der Fall ist! Die Hamburger Konzerte sind weit, weit im voraus vollständig ausverkauft! Was glauben Sie wohl, wozu das Staatsbad im Stande wäre, wenn das hier auch so laufen würde?
Das müssen Sie jetzt nicht beantworten, ich bin aber dankbar dafür, daß Sie mir so nachdenklich zugehört haben…
Ich gebe damit unserem neuen Vorsitzenden das Wort, der Ihnen viele neue Ideen vorstellen wird, die in diesem Zusammenhang Ihre ganze Aufmerksamkeit verdienen.
Ende der Veranstaltung:
Meine Damen und Herren, nach dieser Ideen-Offensive, am Schluß zwei nachdenkliche, etwas philosophisch anmutende Zitate, die mir aufgefallen sind: In der ARD lief in der Serie „Wissen vor acht“ mit Raga Yogeshwar ein Beitrag, in dem das Motto eines Liederbuchs für Freimaurer aus dem Jahre 1804 zitiert wurde, das original auch in meiner Bibliothek steht. Es lautet: „Die Schöpfung ist die vortrefflichste Symphonie; jeder Mensch ist gleichsam eine Note darin, und selbst der, welcher sich nicht freut, muß die Harmonie des Ganzen wider seinen Willen vermehren.“
Und vor wenigen Tagen wurde die z. Z. erfolgreichste Dramatikerin der Welt, Frau Yasmina Reza, („Der Gott des Gemetzels/Roman Polanski 2011“), von der FAZ interviewt und gefragt: „Das Leben ist eine Tragödie, aber machen wir kein Drama daraus. Trifft dieser Satz auf Ihre Welt?“ Ihre Antwort war:
„Humor, Distanz Leichtigkeit - das sind Eigenschaften, die helfen, das Dasein auszuhalten. Das schließt Tiefgründigkeit keinesfalls aus. Im Gegenteil. Ich glaube an die Fröhlichkeit. An das Lachen. Ich fühle mich wohl mit Menschen, mit denen ich lachen kann.“
Also, meine Damen und Herren, Harmonie, Humor, Lachen: Ich glaube daran, dass die Musik das tatsächlich leicht zusammenbringen kann. Die DOV hat gerade bekannt gegeben, dass im Vergleich zur Vorsaison die Zahl der öffentlich geförderten Klassik-Orchester um 10 Prozent gestiegen ist. Aber Könner brauchen eben auch Gönner, Deshalb helfen Sie mir, helfen Sie uns dabei, dass unsere Stadt von der frohen Botschaft erfüllt wird: Bad Pyrmont liebt die Musik!

